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Trip Fontaine – Lambada. Von Selbstmord und Familienurlaub.

16. Oktober 2010 | Autor: | Fach: Popkultur | Noch keine Wortmeldung

Trip Fontaine – Shine On Your Lazy Liaison1

Heute sind wir mit einem neuen Schulfach am Start, dass es völlig unverständlicherweise noch nicht auf die Lehrpläne dieser Welt geschafft hat: Popkultur. Genauer gesagt geht es um einen Film. Bzw. um ein Buch, auf dem dieser Film basiert. Und natürlich auch um eine Band sowie deren neues Album.

Aber von vorne: Anlass für diesen Artikel ist das neue Album der Rodgauer Band Trip Fontaine, das auf den klangvollen Namen “Lambada” hört und gestern erschienen ist. Ihren Namen teilt sich die Band wiederum mit einem Charakter aus dem Buch “The Virgin Suicides” von Jeffrey Eugenides, welches 1999 von Sofia Coppola verfilmt wurde.

Darin geht es um fünf Schwestern aus einer Mittelschichtsfamilie in einem Vorort von Detroit in den 70er Jahren. Die Handlung wird erzählt aus der Perspektive einiger Teenager aus der Nachbarschaft, die fasziniert sind von den engelsgleichen Geschöpfen und mit allen Mitteln versuchen, etwas über die Geschwister zu erfahren und in ihre Welt einzutauchen.

Trip Fontaine (gespielt vom Hollywood-Beau Josh Hartnett) ist dabei der coole Neue an der Schule, der kifft und sich die Haare ins Gesicht hängen lässt, ein Frauenschwarm, der jedes Mädchen haben könnte und der doch nur Lux Lisbon (Kirsten Dunst), die 14-jährige Frühreife der Schwestern, wirklich haben will. Das gelingt ihm schließlich auch in gewisser Weise, doch bringt ihm diese kurzfristige Eroberung für sein späteres Leben kein Glück und sorgt außerdem dafür, dass die bereits angekratzte heile Welt der Familie Lisbon endgültig aus den Fugen gerät. Selbstmord erweist sich schließlich als einzige Möglichkeit für die Schwestern, der Enge des Zuhauses und der strengen und überfürsorglichen Erziehung ihrer Eltern zu entfliehen.

Und um hier noch etwas mehr Popkultur-Wissen auszubreiten: Der Score zu dem Film “The Virgin Suicides” stammt von den französischen Elektro-Atmosphärikern Air, und es war der Sonic Youth-Gitarrist Thurston Moore, der Sofia Coppola den Roman von Jeffrey Eugenides empfahl.

Air – Playground Love

In welcher Verbindung der Buch- bzw. Filmcharakter Trip Fontaine zur Band Trip Fontaine steht, darüber kann an dieser Stelle nur spekuliert werden. Wenn es um Coolness und Unangepasstheit geht, dann harmonieren die beiden allerdings ganz gut.

Noch ausgefallener als der Bandname und mindestens genauso offen für vielfältige Interpretationen ist im Übrigen der Name des neuen Albums: Meine erste Assoziation zu “Lambada” war das hessische Komikerduo Badesalz, und zumindest geographisch würde das passen. Ob ich damit richtig liege und Trip Fontaine sich tatsächlich an hessischer Mundart-Comedy erfreuen, das vermag ich allerdings nicht zu sagen. Vielleicht steckt auch eine völlig andere Erklärung hinter dem Titel.

Nun aber zum eigentlich Entscheidenden: Dem Inhalt der Platte!

trip fontaine - lambada Nach dem hervorragenden Vorgängerwerk “Dinosaurs in Rocketships” und vielversprechenden Konzerten in diesem Jahr waren die Erwartungen an das neue Album von Trip Fontaine ziemlich hoch. Und sie werden nicht enttäuscht, denn “Lambada” bietet überschäumende Kreativität und frische Ideen en masse. Der Inhalt des Albums ist damit das ziemlich genaue Gegenteil der auf dem Cover abgebildeten Szenerie einer miefigen deutschen Familenurlaubsroutine an einem beliebigen Mittelmeerstrand.

Der ruppige Experimentiertrieb des Vorgängers tritt etwas in den Hintergrund, um Raum zu schaffen für große Melodien. Trip Fontaine picken sich dabei aus zahlreichen Genres das beste heraus: die schroffe Melodieseligkeit und Liebenswürdigkeit des Indie Rock, die Ecken und Kanten des Hardcore, die Cleverness des Progressive Rock, die raumgreifenden Gitarren des Emocore und die Drauflos-Rock-Mentalität des Punk.

“Lambada” ist zudem ein echtes Gemeinschaftswerk, jeder darf mal ans Mikrofon oder sich an einem Instrument seiner Wahl austoben. Besonders die Keyboards sind dabei präsenter als bisher. Daneben hat die Band genug Humor, um nicht arty oder abgehoben rüberzukommen. In dem Song Doom 1 wird dann sogar Madonna zitiert, allerdings nicht ohne sie schlitzohrig zu ergänzen:

Music makes the people come together
But it hardly ever makes them cleverer

“Außer bei indiestreber natürlich!” sei da noch hinzugefügt.

“Lambada” ist ein Album, das designiert für den Durchbruch von Trip Fontaine ist. Wenn es damit nicht klappt, dann weiß ich auch nicht mehr, wie man der deutschen Musikszene noch helfen könnte. Jedem, der nur einen Funken Sympathie für moderne Rockmusik hegt, sei dieses Album jedenfalls wärmstens empfohlen.

Trip Fontaine – Lambada (ab 15.10.10., Staatsakt/Zeitstrafe)

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  1. der Song stammt vom bereits 2008 erschienenen Album “Dinosaurs in Rocketships”, ein neueres Video ließ sich leider nicht auftreiben []

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