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I Might Be Wrong. “Man rennt einfach drauflos, und irgendwann findet man einen schönen Ort.” Ein Interview.
von jonas | 11.April 2010

In den vergangenen Wochen tourte die Berliner Band I Might Be Wrong als Vorband der Indie-Folk-HipHopper Why? durch Europa. In Frankfurt sprachen wir im schummrigen Nightliner mit Lisa von Billerbeck (Gesang, Gitarre) und Andreas Bonkowski (Bass) über die Entstehung ihrer Songs, die schönsten Erlebnisse unterwegs und eventuelle Zeitreisepläne.
Was mich an eurem aktuellen Album “Circle The Yes” besonders fasziniert hat, ist, dass es sich so anhört, als würde sehr viel Arbeit hinter der Musik stecken, aber dass es dabei gleichzeitig leichtfüßig klingt. Wie anstrengend war es, es genau so klingen zu lassen?
Andreas: Hmm, ich glaube wir haben es nicht unbedingt darauf angelegt, dass es so leichtfüßig klingt, jedenfalls nicht bewusst. Wir setzen uns häufig hin und feilen an Details, allerdings ist das Album so entstanden, dass wir nicht viel Zeit dazu hatten, weder in der Vorbereitung noch im Studio. Wir haben einfach versucht, aus den vielen Details, die wir rumliegen hatten, ein schönes Ganzes zu machen. Es freut mich sehr, dass das Album für dich ganz leicht daherkommt! Aber für uns war es auf jeden Fall ein sehr arbeitsaufwändiger Prozess.
Lisa: Gerade wenn man im Studio nur so wenig Zeit hat und fünf Leute unterschiedliche Meinungen haben, ist es ein ziemlicher Kampf. Zu der Zeit waren wir in der aktuellen Besetzung noch nicht so lange zusammen und haben uns erst im Studio so richtig kennengelernt, was das Musikmachen angeht. Man muss sich eben erst aufeinander einstellen. Ich glaube beim nächsten Album wird das dann auch viel einfacher für uns.
Andreas: Dann klingt wahrscheinlich alles noch leichtfüßiger (lacht).
Mit dem Albumtitel “Circle The Yes” bezieht ihr euch auf das Streben danach, das Richtige zu tun, gleichzeitig tragt ihr aber in eurem Bandnamen I Might Be Wrong bereits die Unsicherheit und den Zweifel. Woher kann man als Künstler wissen, dass man etwas richtig macht?
Andreas: Ich glaube, das sagt einem immer der Bauch. Es ist einfach so ein Grundgefühl: Wenn die Sachen für einen erst mal richtig stehen, dann fallen sie auch nicht mehr. Es ist ein Prozess, bei dem man irgendwann ankommt und alles klar ist. Man rennt einfach drauflos und irgendwann findet man einen schönen Ort, und da will man dann bleiben. Manchmal dauert das lange und manchmal nur ganz kurz, man kann das nie so ganz absehen. Man weiß nie, wann man an diesem Punkt ankommt – und ob man dort überhaupt ankommt. Es gab auch Songs, die wir für diese Platte nicht fertig gemacht haben, während andere ganz schnell gingen. Man trägt da absolut keine Sicherheit mit sich. Aber wenn der Moment kommt, dann ist es meist allen sofort klar.
Und wenn ihr merkt, dass ihr bei einem Song nicht mehr weiterkommt, hört ihr dann auf damit oder versucht ihr noch, ihn irgendwie umzubiegen?
Lisa: Naja, nicht unbedingt. Was bei dieser Platte witzig war: Der Titelsong, der für uns eigentlich die Single war, der tollste Song überhaupt, der hat es nachher gar nicht auf das Album geschafft, weil wir uns am Ende einfach nicht mehr so sicher waren mit ihm. Aber jetzt haben wir ihn nach einer langen Zeit nochmal angehört und uns gedacht: Moment, der ist ziemlich gut, wir müssen damit unbedingt noch was machen. Und das werden wir auch tun. Es sind ja nur Details, die irgendwie nicht stimmen und an denen man nochmal arbeiten muss. Dann kommt der Song wahrscheinlich auf die nächste Platte oder auf eine EP. So ganz verschwindet bei uns eigentlich gar nichts.

Ihr habt mal gesagt, dass “Circle The Yes” im Vergleich zu dem Vorgängeralbum “It Tends To Flow From High To Low” eher ein Bandalbum ist. Worin seht ihr den Vorteil, nun als fünfköpfige Band zusammen Musik zu machen und nicht bloß alleine oder mit weniger Leuten?
Lisa: Mehr Leute sind immer gut, weil es dadurch mehr verschiedene Einflüsse gibt. Wir haben zwar alle ungefähr denselben musikalischen Hintergrund, aber der eine hört dann eben doch mehr Hardcore als Indie, der andere hört ab und zu auch Hip-Hop, und deshalb kommen mittlerweile einfach mehr Einflüsse zusammen. Wenn man nur zu zweit Songs macht, schwimmt man irgendwann immer in derselben Soße. Die Gitarre klingt dann jedes Mal wieder so, wie man es halt immer macht.
Andreas: Und man hat als Band auch mehr Möglichkeiten, die Songs live umzusetzen.
Lisa: Stimmt, früher kam bei uns viel vom MP3-Player oder vom Computer, aber mittlerweile machen wir fast alles live, und das ist schon ein Unterschied. Es macht so auch einfach mehr Spaß, wenn man auf der Bühne mehr machen kann.
Seht ihr das Album jetzt, etwa ein halbes Jahr nachdem es veröffentlicht wurde, anders als damals?
Andreas: Ich finde mit Abstand betrachtet ist das Album doch noch mal ein größerer musikalischer Sprung weg von der ersten Platte, als es mir damals erschien, als wir die Platte gemacht haben. Das wird mir immer mehr klar. Und ich frage mich jetzt auch, wo es als nächstes hingeht.
Lisa: An dem Punkt, wo wir jetzt sind, würden wir natürlich wieder tausend Sachen anders machen, mehr experimentieren und uns mehr Zeit nehmen. Das ist einfach immer so. Aber wenn man nur so kurz Zeit hat, macht man eben das, was in dem Zeitraum möglich ist. Ich glaube auf jeden Fall, dass unsere nächste Platte ein bisschen experimenteller wird.
Andreas: Ja, das denke ich auch. Ich finde es wichtig, dass man ein Album als Schnappschuss sieht, als Momentaufnahme von ein paar Wochen oder Monaten, und sich da auch nicht verrückt macht. Man kann natürlich ewig an einem einzelnen Song sitzen oder jetzt im Nachhinein sagen: Hätten wir doch lieber das und das gemacht! Aber sowas macht einfach keinen Sinn. Man sollte lieber versuchen, aus dem Ergebnis zu lernen für die nächste Platte.

Ihr seid momentan ja immer noch ein Insidertip, deshalb wollte ich euch fragen, was eure Ambitionen und eure Ziele für die Zukunft sind. Macht ihr da Pläne oder lasst ihr eher alles auf euch zukommen?
Lisa: Also wir denken schon immer viel voraus, aber wir sagen uns nicht: In zwei Jahren wollen wir an einem bestimmten Punkt sein. Wir sind da nicht verbissen. Die Band ist ja immer noch nur die Hälfte unseres Lebens. Wir spielen daneben auch noch in anderen Bands, haben Jobs oder gehen zur Uni. Wir wollen mit I Might Be Wrong einfach so viel wie es geht live spielen. Gerade dadurch, dass wir jetzt mit Why? auf Tour in England waren, haben mir gemerkt, dass das auch im Ausland sehr gut funktioniert. Und das wäre auch etwas, was uns viel Spaß machen würde, einfach mehr im Ausland spielen. Das bringt auch ganz neue Energien mit sich. Es ist für uns gerade sehr spannend, vor Leuten aufzutreten, die man noch nie gesehen hat, und die noch nichts über uns gelesen oder gehört haben, einfach noch kein Bild von uns haben. Wir hatten in England ziemlichen Schiss. Ich meine, die haben da eine unglaublich gute Musikszene und wahnsinnig tolle Bands. Deutsche Bands sind ja fast nie in England auf Tour, bis auf The Notwist oder Rammstein vielleicht. Aber wir wurden total gut aufgenommen dort und es war sehr interessant für uns, ein Publikum zu überzeugen, das vorher keinen Plan hatte, was wir eigentlich machen.
Wie kam es eigentlich zu der Tour mit Why?
Lisa: Wir haben seit kurzem eine neue Booking-Agentur, Headquarter, und Why? sind da auch. Headquarter wollten uns eine Tour buchen in dem Zeitraum, in dem Why? auch in Europa auf Tour waren, und die brauchten sowieso noch eine Vorband, und da haben Headquarter uns gefragt, ob wir nicht mitfahren wollten. Und wir haben natürlich zugesagt.
Kanntet ihr Why? vorher schon persönlich?
Andreas: Nein, das erste Mal, dass wir sie getroffen haben, war vorm ersten Konzert in Utrecht. Wir haben uns in den Zug gesetzt, sind da hingefahren und haben die Jungs dann da kennengelernt.
Lisa: Und wir haben uns gleich in sie verliebt!

Gab es auf der Tour besonders herausragende Erlebnisse oder Momente, an die ihr euch noch lange erinnern werdet?
Andreas: Also der erste große Stolperstein aus unserer Sicht war auf jeden Fall die Show in London, unser drittes Konzert in England. Da hatten wir wirklich Respekt vor! Aber es lief super. Wir haben vor 800 Leuten gespielt, und es war toll. Danach waren wir dann erst mal beruhigt und konnten die Tour noch viel mehr genießen. Aber es ist insgesamt schwierig, einzelne Sachen herauszupicken. Jeder Abend bisher hatte immer wieder etwas Neues, und wir haben die Why?-Jungs auch immer besser kennengelernt.
Lisa: Ich glaube ich fand es auch am schönsten, einfach mit den Jungs rumzuhängen. Wenn man die ganze Zeit zu fünft auf Tour ist und sich eh schon in- und auswendig kennt, geht man sich manchmal auf die Nerven oder ist gelangweilt. Deshalb ist es einfach cool, mit insgesamt 14 Leuten zu touren, da kann man sich immer jemand anderen suchen.
Bei indiestreber.de läuft gerade eine besondere Aktion, nämlich eine musikalische Reise durch die Zeit. Wenn ihr eine Zeitmaschine hättet und euch eine Epoche der Weltgeschichte aussuchen könntet, wo würdet ihr hinreisen?
Lisa: Also ich würde gerne in die 1920er Jahre. Das war eine unglaublich stilvolle Zeit, und musikalisch auch interessant. Ich stell mir das einfach cool vor, in diesen alten, zigarrenverrauchten Cafés abzuhängen, während auf einem Plattenspieler lässige Musik läuft.
Andreas: Ja, ich glaube ich würde auch im 20. Jahrhundert bleiben. Vielleicht würde ich mal in den 60ern vorbeischauen. Ich bin mir nicht sicher, 60er oder 80er.
Lisa (verdreht die Augen): Boah, die 80er…
Andreas (lacht): Genau deswegen!
kĂĽnstlerkollektiv: i might be wrong, Why?
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