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indiestreber unterwegs: eine klassenfahrt nach prag.

30. März 2011 | Autor: | Fach: Klassenfahrt | Eine Wortmeldung

Damien Rice – Prague

Als aufgeweckter indiestreber sollte man auch mal eine Klassenfahrt unternehmen. Und genau das habe ich getan, sozusagen: Das vergangene halbe Jahr verbrachte ich in Prag, um dort an der altehrwürdigen Karlsuniversität ein Auslandssemester zu absolvieren – und natürlich auch, um die Konzertlocations der Stadt zu erkunden. Was ich dabei so alles entdeckt habe, davon will ich hier berichten.

Prag mag zwar nicht in der ersten Liga der europäischen Hipster-Metropolen spielen, doch neben der ganzen architektonischen Schönheit und einer angenehmen Entspanntheit hat die Stadt auch ein ansehnliches Konzertprogramm zu bieten. Als ich vor ein paar Tagen schaute, welche Bands in der nächsten Zeit so in der Rhein-Main-Region auftreten werden, wurde mir bewusst, dass es in Prag vielleicht nicht unbedingt deutlich mehr Konzerte gibt, aber dass dort häufiger abgefahrene und dabei gleichzeitig irgendwie angesagte Bands spielen. Inzwischen scheint sich in Prag neben einer angestammten Metal- und Drum’n'Bass-Szene auch eine lebhafte Indie-Szene entwickelt zu haben, mit vielen jungen Leuten, die sich eifrig darum bemühen, interessante Bands in die Stadt zu bringen. Und so war es mir in meiner Zeit hier vor allem vergönnt, zahlreiche Bands live zu sehen, die ich zuvor nicht bzw. nur dem Namen nach kannte, und die mich inzwischen sehr begeistern.

Wenn ich mich entscheiden müsste, welches Konzert mir in Prag am besten gefallen hat, dann würde ich wohl Crystal Castles nennen. Warum mich gerade dieser Auftritt so umgehauen hat, weiß ich auch nicht genau. Vielleicht, weil ich die beiden Alben des Elektro-Duos erst kurz vorher für mich entdeckte. Vielleicht, weil ich für das ausverkaufte Konzert ziemlich kurzfristig noch einen Gästelistenplatz ergattern konnte. Vielleicht aber auch einfach, weil die Band live unglaublich gut ist. Die Sängerin Alice Glass hatte sich zwar kurze Zeit vorher den Knöchel gebrochen und konnte deshalb nicht wie sonst herumtoben und crowdsurfen, aber das tat der Energie des Konzerts keinen Abbruch. Die Lucerna Music Bar brachten sie jedenfalls ordentlich zum Beben.

Crystal Castles – Black Panther (live @ Lucerna Music Bar Prag)

Vorband bei besagtem Konzert waren übrigens die ebenfalls fantastischen Male Bonding. Mit dem Shoegaze-Garagen-Punkrock ihres Debütalbums “Nothing Hurts” zählt die britische Band für mich ganz klar zu den besten Newcomern des vergangenen Jahres.

Male Bonding – Weird Feelings

Und wo wir gerade schon bei Punkrock sind: Ebenso ans Herz legen kann ich jedem das New Yorker Duo Japanther. Denen habe ich im kleinen kellerartigen Final Klub dabei zugesehen, wie sie sich trotz technischer Probleme den Schweiß aus den Körpern spielten. Ach, wie schön Punkrock doch sein kann, wenn er nicht von notorischen Kurze-Hosen-Trägern aus Kalifornien fabriziert wird.

Japanther – She’s The One

Eine Band, über deren Namen ich immer wieder stolperte, weil sie mit zahlreichen meiner Lieblingsbands verglichen wurden, deren Musik ich mir aber erst dann zum ersten Mal anhörte, als ich von ihrem Konzert in Prag hörte, sind No Age. Nach einer anfänglichen Gewöhnungsphase habe ich mich in ihren Noise-Pop inzwischen mächtig verknallt. Und auch ihr Auftritt in der von mir sowieso sehr geschätzten Meet Factory wusste überaus zu begeistern. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viele entblößte und euphorisch-verschwitzte Oberkörper bei einem Konzert gesehen habe.

No Age – Fever Dreaming

Ebenfalls in der Meet Factory durfte ich dem Konzert von Sleigh Bells beiwohnen. Deren 2010 veröffentlichtes Debüt “Treats” klingt in etwa so, als würden The Kills versuchen, gleichzeitig eine Noise- und eine R’n'B-Platte aufzunehmen. Wahlweise auch wie eine faszinierende Mischungs aus HEALTH, Slayer, Crystal Castles und einem beliebigen Popsternchen. Das sorgt auf der heimischen Anlage zunächst einmal für ziemliche Verwirrung, funktioniert live aber ausgesprochen gut, weil man die Frage, ob man zu der Musik nun Headbangen oder seinen Booty shaken soll, vor lauter treibendem Rhythmus und seligem Lärm schnell ausblendet.

Sleigh Bells – Infinity Guitars

Wer sich schon immer gefragt hat, wie man auf direktem Weg vom Math-Rock zum Indie-Folk kommt, sollte mal bei Maps & Atlases nachfragen. Die haben genau diese Strecke nämlich von ihren ersten beiden EPs zu ihrem Debütalbum mit einer atemberaubenden Lockerheit zurückgelegt. Und als wäre das noch nicht genug, hat die Band auch noch das Glück, über einen Sänger zu verfügen, dessen charakteristische Knödelstimme wunderbar mit seinem Waldschratbart und dem dazugehörigen Karohemd harmoniert. Ich durfte die vier verdammt talentierten Musiker im seit Ende der 60er Jahre existierenden Klub 007 im Studentenwohnheim Strahov erleben.

Maps & Atlases – Living Decorations

Im selben Club sowie auf einem ähnlich hohen Abgefahrenheitslevel spielte auch Marnie Stern, die auf den ersten Blick nach naivem Blondchen aussieht, mit ihren wilden Gitarrentap-Orgien aber sehr bald so manche Kinnlade zum Herunterklappen bringt. File under: Futuristischer Math-Rock-Prog-Pop mit dem unnachahmlichen Eichhörnchen-auf-Speed-Schlagzeug von Zach Hill.

Marnie Stern – For Ash

Desweiteren gab es für mich in Prag auch noch eine Lektion im sogenannten Post-Rock. Zwei Pioniere dieses Genres habe ich live gesehen: Tortoise erinnerten mich mal wieder daran, dass die Marimba ein verdammt großartiges Instrument ist und klangen auf der Bühne mit ihren zwei Schlagzeugen zudem um einiges mitreißender als auf Platte, und Godspeed You! Black Emperor entfachten – wie sollte es auch anders sein – ein sagenhaftes Klangfeuerwerk mitsamt Eintrittskarte fürs Kopfkino. Außerdem war ich noch bei den Instrumentalrockern Maserati, die live überraschend tanzbar klangen und somit bewiesen, dass sich Groove und Atmosphäre nicht ausschließen müssen.

Tortoise – Ten-Day Interval

Godspeed You! Black Emperor – Moya

Maserati – We Got The System To Fight The System

Obwohl 80er Jahre Synthie-Pop und Dark Wave eigentlich nicht so meine Sache sind, war ich auch auf dem Konzert von Former Ghosts im Klub 007. Das Projekt von Freddy Ruppert (This Song Is A Mess But So Am I) in Zusammenarbeit mit Xiu Xiu-Frontmann James Stewart und Nika Roza Danilova (Zola Jesus) hatte mich nach anfänglicher Skepsis dann doch irgendwann überzeugen können, und der intensive Auftritt trug seinen Teil dazu bei. Musik für Menschen, die gerne in Abgründe schauen.

Former Ghosts – New Orleans

Um einiges sonniger geht es dagegen bei den dänischen Schnurrbartliebhabern Efterklang zu. Deren Musik klingt nämlich vor allem auf eine sehr sympathische Weise schön und setzt gerade live erhebliche Mengen an Endorphinen frei. Vor dem Konzert in der Meet Factory wurde auch noch der äußerst empfehlenswerte Film “An Island” gezeigt, den Vincent Moon (of Take-Away-Show-Fame) zusammen mit der Band gedreht hat, und der viel zur Rehabilitierung von Kinderchören beiträgt.

Efterklang – Modern Drift

Außerdem habe ich natürlich auch einige tschechische Bands gesehen, meist als Vorgruppe. Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir davon die solide Indie-Band RaRa Avis, die Instrumentalrocker C, sowie Zrní, die sich für mich ein bisschen wie die tschechische Version von Sigur Rós anhören.

RaRa Avis – January And The Kindred Spirit

C – Plectroom

Zrní – Jabloně

Ähnlich wie für Damien Rice im Song ganz oben ist es nun auch für mich an der Zeit, meine Sachen zu packen. Allerdings muss ich in die gegenteilige Richtung, nicht nach Prag, sondern aus Prag weg. Die Abreise aus solch einer tollen Stadt fällt natürlich nicht leicht, und auch wenn es in dem Lied nur am Rande um den physischen Ort Prag geht, so eignet es sich doch recht gut als teils wehmütige und teils mutmachende Abschiedsballade.

Künstlerkollektiv: , , , , , , , , , , , , , , ,


Bisher eine Wortmeldung to “indiestreber unterwegs: eine klassenfahrt nach prag.”

  1. Marius meint:
    30.März 2011 at 11:56

    Sehr schön geschrieben.
    Und Maps & Atlasses und vor allem Efterklang trauere ich immer noch hinterher.

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