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…Trail Of Dead über Charles Baudelaire. Kampf der Langeweile!

1. Oktober 2010 | Autor: | Fach: Literatur | 2 Wortmeldungen

…And You Will Know Us By The Trail Of Dead – Baudelaire

Rockmusik, die sich auf Literatur bezieht, ist kein seltenes Phänomen, denn Bücher sind eine beliebte und ergiebige Quelle, wenn es darum geht, clevere Ideen für den Text eines dreieinhalbminütigen Songs zu gewinnen. Dem früheren Bassisten von …And You Will Know Us By The Trail Of Dead, Neil Busch, der den obigen Song schrieb und ihn auch singt, diente zur Inspiration der Gedichtband “Les Fleurs du Mal” (Die Blumen des Bösen) des französischen Lyrikers Charles Baudelaire.

Sehr leicht kann man Charles Baudelaire als Seelenverwandten oder gar Erfinder des Rockstars, wie wir ihn heute kennen, ansehen. Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts lebte der Dichter in Paris das ausschweifende Lebens eines Dandys. Das Erbe seiner Eltern investierte er in Alkohol, Haschisch, Opium und Frauen, daneben versuchte er, seine literarischen Werke in Zeitschriften unterzubringen, um sich finanziell über Wasser zu halten.

Obwohl seine Gedichte inzwischen zu den großartigsten, einflussreichsten und revolutionärsten Werken der französischen Literatur gerechnet werden, hatte er zu Lebzeiten wenig Erfolg damit. Zu explizit und blasphemisch waren sie vielen seiner Zeitgenossen, anfangs wurden sie teilweise sogar verboten. Die faszinierte Beschäftigung mit dem Bösen und Morbiden stieß auf erbitterten Widerstand bei den Hütern der Tradition. Auch hier kann man wunderbar Parallelen zur vermeintlich gefährlichen und sittenverderbenden Rockmusik herstellen.

“Les Fleurs du Mal”, eine Zusammenstellung von über 100 Gedichten, stellt das lyrische Hauptwerk von Baudelaire dar. Besonders angetan hat es Neil Busch darin die im Vorwort “An den Leser” geäußerte Auffassung, dass die größte Sünde des Menschen nicht etwa die Unmoral, sondern die Langeweile sei:1

Das schlimmste, schmutzigste von allen Dingen,
Die Qual, die nicht Gebärde hat noch Schrei,
Und doch die Erde macht zur Wüstenei
Und gähnend wird dereinst die Welt verschlingen:

Der Überdruss! – Tränen im Blick, dem bleichen,
Träumt vom Schafott er bei der Pfeife Bauch.
Du, Leser, kennst das holde Untier auch,
Heuchelnder Leser – Bruder –: meinesgleichen!

Aus: Charles Baudelaire – An den Leser2

Doch nicht nur inhaltlich ist der Song vom Werk Baudelaires inspiriert, auch in seiner Form kommt er dem Vorbild nahe: Schlangengleich und voller Reime ziehen sich die Sätze durch die Strophe und zelebrieren dabei eine poetische Bildsprache.

The only sin in this world of pain
In this world of shame
In this world of heartache
The only sin in this world unjust
In this world of lust
In this world distrusting
The only sin in this world corrupt
Where passions erupt
And end abrupt
Is a crime
With no great gestures cry

Die Pointe, auf die diese Sätze hinarbeiten, wird erst recht spät offenbart:

You’ll never see the light
In the darkest night
[...]
When the boredom comes
If you’re one of the boring ones

Im Jahr 2004 verließ Neil Busch …And You Will Know Us By The Trail Of Dead, offiziell wegen “schwerer gesundheitlicher Probleme” – angeblich war er dem Heroin verfallen. Baudelaire starb im Alter von 46 Jahren als mittelloser und von Krankeit gezeichneter Mann. Man muss dies wohl als Warnung ansehen, dass der Kampf gegen die Langeweile auch auf direktem Weg in den Abgrund führen kann.

  1. Oder um es mit dem Originalwort von Baudelaire auszudrücken: “l’ennui”, im Deutschen so wie unten häufig auch mit “Überdruss” übersetzt []
  2. hier in der Übersetzung von Therese Robinson []

Künstlerkollektiv:


2 Wortmeldungen to “…Trail Of Dead über Charles Baudelaire. Kampf der Langeweile!”

  1. dani meint:
    4.Oktober 2010 at 12:08

    ein spitzentext, joni! am besten gefällt mir “schlangengleich”, trifft den nagel auf den kopf. jeah!

  2. Sebastian meint:
    4.Oktober 2010 at 17:04

    Ich mag das “ausschweifende Leben eines Dandys”

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