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Omas Teich Festival 2010: Bauernhofatmosphäre und mittendrin zwei blutjunge Belgier, die den Rock’n'Roll neu erfinden!

von Thomas | 19.August 2010

mainz und aurich in ostfriesland sind 780 kilometer voneinander entfernt (wenn man über hamburg fährt). wer diese strecke auf sich nimmt, muss entweder die letzten gehirnzellen großzügig seinem lieblingsfriseur geschenkt haben oder aber felsenfest vom line-up des diesjährigen omas teich festivals überzeugt sein. natürlich sorgten nada surf, kettcar und biffy clyro dafür, dass das letzte juliwochenende rot im kalender markiert wurde. zu einer richtig runden sache wurde das wochenende jedoch erst duch omas baumarkt (in dem von gummistiefeln bis zelten keine wünsche offen blieben), durch die vom blueprint fanzine präsentierte “omas gute stube” (wo bands für fans kochten) und vor allem duch die auftritte der vermeintlich kleineren bands wie trip fontaine, hellsongs oder black box revelation.

Bild: © Jessika Wollstein von festival-kritiker.de

Freitag, 30. Juli:

“mindestens in 1000 jahren” machte frittenbude zur wohl bekanntesten audiolith band. an diesem tag wurden die bayerischen dauer-wach-musiker den geschürten Erwartungen allerdings keineswegs gerecht. Der viel zu dünne Sound auf der Mainstage, die Frittenbude-untypische Uhrzeit von 17:30 Uhr und die für mich überschrittene Grenze zwischen Lässigkeit und Lustlosigkeit machten den Auftritt zu einer einzigen Enttäuschung.

dafür holten captain planet auf der zeltbühne direkt im Anschluss all das nach, was Frittenbude vermissen ließen: Energie, einen absolut druckvollen Sound, Spaß am Spielen und sensationell gute Texte, die reihenweise mit der faust in der luft mitgeschrien wurden.

auf der mainstage wurden für den restlichen abend die ganz großen namen aufgefahren: biffy clyro, nada surf und kettcar.

klar, biffy clyro gehören inzwischen zweifelsohne auf die großen festivalbühnen dieser welt. trotzdem ließ mich der gedanke nicht los, das konzert hätte wohlmöglich im zelt mehr spaß gemacht. in einem zelt, in dem man jeden einzelnen schweißtropfen der musiker hätte bestaunen können. die drei tättowierten schotten legten sich nämlich wirklich ins zeug und schleuderten eine hymne nach der nächsten auf das nach hymnen lechzende publikum ab. songs wie “who’s gotta match”, “the captain” oder “bubbles” verloren jedoch viel von ihrer kraft und magie, bevor sie in den ohren der zuschauer ankamen.

bei nada surf gab es dann keine bedenken mehr. da war alles richtig. die richtige band, die richtige songauswahl, die richtige uhrzeit, der richtige sound! “always love”, “blankest year”, “popular”… zum dahinschmelzen. dazu der ein oder andere coversong ihres aktuellen albums “if a had a hi-fi”. einer davon ist “enjoy the silence”. jede andere band hätte man verteufelt, dieses lied zu covern. aber bassist daniel lorca erklärte mir im interview glaubhaft, dass er das lied vor den aufnahmen überhaupt nicht kannte. außerdem klingt es letztlich überhaupt nicht mehr nach depeche mode sondern einfach unverwechselbar nach nada surf. mein lieblingszeltplatznachbar henry: “wetten, über die hälfte der leute hier bekommt überhaupt nicht mit,  dass das gerade ein depeche mode coversong war?”. genauso wie er nach dem song “fruit fly” meinte: “wie schade, dass kaum einer zu schätzen weiß, dass nada surf  nicht über diese o8/15 popsong-themen schreiben, sondern zum beispiel über fruchtfliegen.”

der abschluss der mainstage bands war dann ein besonders emotionaler. kettcar verabschiedeten sich von schlagzeuger und gründungsmitglied frank tirado-rosales. während die band sich routiniert durch die hits ihrer drei alben spielte, prangten groß und leuchtend dahinter die worte “danke frank”. der so schüchtern und ruhig wirkende schlagzeuger, der schon anfang der 90er jahre mit marcus wiebusch zusammen bei …but alive spielte, genoss dieses konzert sichtlich, bedankte sich artig beim publikum und ließ sich von jedem einzelnen mitglied der anwesenden grand hotel van cleef großfamilie herzlich umarmen.

ein mitglied dieser angesprochenen familie ist audiolith-kopf und krawallherd lars lewerenz, der das rege treiben auf der bühne gekonnt dafür nutzte, den audiolith pferdemarkt im zelt anzukündigen. doch bevor die audiolith rave-ekstase mit das audiolith, ira atari & rampue, krink und ja!kob das elektroaffine publikum bis in die frühen morgenstunden beschallte, erlebte omas teich festival für viele den absoluten höhepunkt des wochenendes: den auftritt von the black box revelation.

am frühen abend wirkten die beiden jungen belgier beim interview zwar freundlich aber träge und alles andere als motiviert.  was sich dann aber kurz vor mitternacht im prall gefüllten zelt während des konzertes der beiden abspielte, hatte fast schon etwas magisches. das konzert von black box revelation haute nicht nur mich absolut aus den socken. manch einer fühlte sich an die ersten konzerte von black rebel motorcycle club zurück erinnert. sollten es tatsächlich zwei blutjunge belgier sein, die hunderten jungen menschen (inklusive mir) den rock’n'roll erklären? jan paternoster spielte riffs, die die kinnladen der zuschauer mit der schwerkraft bekannt machten und setzte sich dabei derart lässig in szene, als wäre es die einfachste sache der welt. keith richards wäre stolz auf ihn gewesen. gleichzeitig prügelte der 19jährige dries van dijck muppet-show-artig auf seine fälle ein. das publikum bedankte sich, in dem es während des gesamten auftritts wild hin und her schwappte, so dass einem zwischenzeitlich angst und bange um den zustand des hölzernen zeltbodens sein musste.

Aber auch die beiden vorangehenden Zeltbands – Hellsongs und Long Distance Calling – hinterließen einen bleibenden Eindruck. dem long distance calling auftritt konnte ich leider aufgrund von interviewverpflichtungen nicht beiwohnen. die instrumental-band soll allerdings mit dem dichtesten und besten sound des wochenendes beeindruckt haben. hellsongs beeindruckten einmal mehr mit ihren leisen interpretationen vieler lauter metal songs, bei denen nicht mitgeklatscht sondern mitgeschnipst wurde. egal wie böse die originale sind, slayers “seasons in the abyss” oder iron maidens “the evil that men do” zum beispiel, Sängerin Siri Bergnéhr überzog alles mit einer rosaroten Zuckerwatte.

Samstag, 31. Juli:

wer nach einer durchtanzten audiolith nacht schon gegen mittag dazu fähig war, sich aus seinem zelt zu schälen, sollte dies nicht bereuen. auf anweisung vieler freunde stand ich pünktlich zu alias caylon vor der bühne. der auftritt der band aus flensburg unterschied sich in der qualität dann überraschend wenig von einer band wie biffy clyro. die jungs mögen jünger sein, weniger tättowiert, weniger exhibitionistisch veranlagt, weniger schottisch aber die dargebotenen songs hielten jeden vergleich statt. mit “high time” hat die band sogar einen waschechten hit.

danach spielte die brachialste band des festivals: dioramic. ein trio aus kaiserslautern, dass ich zum letzten mal vor fünf jahren live sah. damals war schlagzeuger anton 15. inzwichen ist er 20 und trommelt immernoch wie ein junger gott. natürlich ist es nachvollziehbar, dass festivalbesuchter, die von kettcar, nada surf oder friska viljor angelockt wurden, mit double-bass, riffgewittern und brutalo-geschrei eher wenig anfangen können. dementsprechend leer wann dann leider auch der bereich unmittelbar vor der bühne. die mutigen oder neugierigen, die dieser gähnenden leere entgegen wirkten, konnten sich aber von den technisch überragenden und filigranen fingerfertigkeiten der drei jungs von dioramic überzeugen. wenn metal, dann gern so!

Dass ich mir anschließend Beat! Beat! Beat! und Antitainment durch die Lappen gehen ließ, bereue ich inzwischen. Noch mehr bereue ich, dass ich Trip Fontaine, die ehemaligen Labelkollegen von Alias Caylon, nur drei Lieder lang gesehen habe, weil ich parallel ein Interview mit Tim Neuhaus für Campusradio Mainz geführt habe. Denn das, was ich sah, war spitzenmäßige Unterhaltung. Fröhliches Instrumententauschen und Songs, die an …Trail Of Dead erinnern. Ich war begeistert und unzählige andere Festivalbesucher waren es auch. In welche Unterhaltung man sein Ohr auch warf, Trip Fontaine kamen großartig weg und sind in Deutschland anscheinend gerade so etwas wie die Band der Stunde. Man darf sich auf jeden Fall auf das mitte oktober erscheinende dritte album der rodgauer freuen.

Es schloss sich der Auftritt der mir bis dahin unbekannten Tusq im Zelt an. Wenn man so will, Eine Art deutsche All-Star-Band, die ihr Debütalbum zwar aufgenommen (in Finnland!) aber noch nicht veröffentlicht hat. Bass: Paul Konopacka von Herrenmagazin. Schlagzeug: Holger Lüken, alteingesässener Ostfriese von The Coalfield. Gitarre: Uli Sauer von Schrottgrenze. An vorderster Front: Uli Breitbach von den D-Sailors mit einem Instrument, das weniger Rock’n'Roll nicht sein könnte: ein Akkordeon! Mir schwante böses. Umso überraschter war ich von dem Auftritt. Man merkte der Band nicht an, dass sie erst 10 Auftritte absolviert hat. Routiniert spielten die vier sich durch breitwandige und atmosphärische Songs zwischen Shoegaze und Indie, die das sechsteilige Video-Studiotagebuch auf der Myspace-Seite der Band unterlegen.

Auch von Scumbucket erwartete ich ehrlich gesagt keine Höchstleistungen. Aber die Art und Weise wie Blackmail-Kopf Kurt Ebelhäuser die Riffs aus seiner Gitarre kitzelte beeindruckte dann doch. Während des Auftritts ging dann einer der wenigen Schauer des Wochenendes auf die Festivalbesucher nieder. Das störte allerdings überhaupt nicht. in diesem einen moment gab es nichts schöneres als zu “Staring At The Skies” im Regen zu tanzen.

Danach löste Tim Neuhaus mit seiner dreiköpfigen Band das Versprechen ein, der Festivalatmosphäre zu Liebe lauter zu sein als man das von ihm und seinen Songs erwarten konnte. Wer den Auftritt genossen hat, wird wahrscheinlich auch viel Freude am Band-Album von Tim Neuhaus finden, das demnächst beim Grand Hotel van Cleef erscheinen wird.

Hatte es kurz vorher bei Scumbucket noch ordentlich geregnet, ergoss sich bei den alten Ska-Hasen von den Busters schon wieder die Sonne über das gelände. ich persönlich bin allerdings eher Ska-Hasser als Ska-Hase und konnte mich deshalb – so sehr ich es auch versuchte – auch wenig bis gar nicht mit dieser blechgeblasenen Off-Beat-Fröhlichkeit anfreunden. stattdessen zählte ich die sekunden bis zum Picturebooks-Auftritt runter. Die dreiköpfige Band aus Gütersloh legte los wie die Feuerwehr und fuhr alle Kaliber auf (inklusive Soundverstärkung vom an der Bühnenseite sitzenden Manager und Vater Claus Grabke). Im Prinzip war es ein ähnliches Konzert wie bei Black Box Revelation am Vorabend, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass zu meiner Verwunderung der Funke nicht recht aufs Publikum überspringen wollte.

Das Pflichtprogramm war damit erfüllt. Ich hatte alles Bands gesehen, die mir lieb und teuer waren. Es folgte die Kür. deren erster teil zeigte sich in form von Friska Viljor im strahlendsten festivalsonnenschein. fazit: bärtigen schweden mit ukulelen seh ich zehnmal lieber bei der guten lauen zu als anzugträgern mit trompeten. Ich weiß nicht, ob außer mir noch jemanden jemals der Gedanke gekommen ist.

Mit Jupiter Jones hielt ich es nicht lange im zelt aus, was aber gar nicht unbedingt am auftritt der Pathos-Punker mit Joe Cocker-Stimme lag. mir war im dichtgedrängten zelt einfach nicht nach kuscheln zumute. Die Veranstalter hätten gut daran getan, Jupiter Jones auf der großen Festivalbühne spielen zu lassen und stattdessen zum Beispiel Frittenbude ins Zelt zu verlegen. Ansonsten kann man den organisatoren line up-technisch keinen Vorwurf machen. Selten stieß ich bei so einem festival auf eine derartig hohe musikalische Qualitätsdichte.

johnossi und fettes brot boten dann einen würdigen abschluss dieses schönen ostfriesischen festivalwochenendes. Johnossi waren aber leider ein typischer Fall von “Band gibt auf der Bühne alles, Publikum macht nicht mit”. Eine Spitzenszene innerhalb des einstündigen Programms der Band war der Curt Cobain-Gedächtnissprung des Sängers und Gitarristen John Engelbert auf das Schlagzeug seines Bandkollegen Oskar Bonde (siehe Bild oben). Das war ganz großer Sport!

über fettes brot kann man ja sagen und denken was man will. eine vernünftige festivalshow haben die hamburger bis jetzt aber noch immer hinbekommen. davon hatte anscheinend auch jeder einzelne festivalbesucher gehört und die bühne auf der die brote tanzten und rappten kurzerhand zum persönlichen mekka erkoren. alle waren sie aus ihren löchern gekrochen, um die alten und neuen hits von “jein” bis “bettina” tanzend und drängelnd zu genießen. die drei wortgewandten hamburger hatten ihre helle freude an so viel geballter aufmerksamkeit und ließen sich nicht mal durch auf sie gerichtete laserpointer aus der fassung bringen. stattdessen nahmen sie die unangenehme beleuchtung zum anlass, einen spontanen neuen hit zu basteln. “buh laserdinger buh” hatten viele festivalbesucher noch lange im ohr.bei youtube gibt es unzählige verwackelte versionen des songs zu sehen. verwackelt deshalb, weil der song frenetisch gefeiert wurde. ein beispiel:

wer dann noch kraft in den beinen hatte, konnte sich supershirt als allerletzte band im zelt ansehen. ich tat es nicht und war auch ohne supershirt glücklich und zufrieden, 780 km für dieses Festival im nordwestlichsten Zipfel deutschlands zurück gelegt zu haben.

Die vier tollen Bilder sind übrigens von: © Jessika Wollstein von festival-kritiker.de. vielen dank dafür!


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3 kommentare zu “Omas Teich Festival 2010: Bauernhofatmosphäre und mittendrin zwei blutjunge Belgier, die den Rock’n'Roll neu erfinden!”

  1. mändie meint:
    20.August 2010 at 10:18 am

    schöner bericht erstmal, lob!

    was jupiter jones betrifft, muss ich dir absolut recht geben. ich habe mir die show in voller länge im heißen zelt angesehen und bin ebenso der meinung, dass sie der großen bühne würdig gewesen wären. hat der stimmung letztlich keinen abbruch getan. war wirklich großartig.

    bei fettes brot sind wir uns nach wie vor nicht sicher, ob sie einfach gut drauf waren oder besoffen und bekifft. absolute wahnsinnsshow, definitiv. aber so viel gequatsche und textzeilen vergessen war mir dann bisher doch neu.

    ein statement zur mediengruppe gibt es nicht? da hat das zelt nämlich nochmal mehr gekocht und ich kann behaupten, mein bestes konzert der drei erlebt zu haben.

  2. thomas meint:
    20.August 2010 at 11:55 am

    zur mediengruppe telekommander habe ich bis jetzt leider noch keinen zugang gefunden und werde das wahrscheinlich auch nicht mehr tun.

    genauso verhält es sich übrigens auch bei fettes brot aber wie du schon sagst, live-qualitäten kann man denen nicht absprechen und seit den ärzten ist texte-vergessen und viel-quatschen ja auch irgendwie sehr angesagt…

  3. Bartron meint:
    21.August 2010 at 8:27 am

    jupiter jones hatten ja extra mit scumbucket getauscht, wenn ich mich recht erinnere, die wollten ins zelt.
    für mich auch die beste entscheidung des wochenendes, ich denke nämlich, dass auf der großen bühne viel von diesem auftritt verloren gegangen wäre. meine irrungen/wirrungen gibts hier:

    http://www.last.fm/user/Bartron/journal/2010/08/07/3tuk1u_omas_teich_2010_-_eine_retrospektive