Das hier ist die alte, nicht mehr gepflegte Version von indiestreber. Hier schauen wir nicht mehr nach, ob Links oder Videos noch funktionieren, und auch neue Artikel werden hier nicht mehr erscheinen. Unsere neue Seite findest du unter www.indiestreber.de

neueste werke

neueste kommentare

ältere werke

suche


« | home | »

grindie girls kick ass!

von | 13.November 2007

lily allen, lady sovereign, robyn

die independent-musikszene lebt von neuen stil-kreationen. was kate mosh schon richtig erkannt haben: theoretisch kann man vor jede musikrichtung ein „indie-“ platzieren, und schon hat man irgendwie einen neuen style kreiert.

in england geschehen derzeit einige solcher paarungen, die wohl populärste dieser tage ist „grindie„. grindie ist der bastard aus grime (einer musikrichtung die sich ihrerseits aus hiphop, elektrobeats und dancehall zusammensetzt) mit der form von musik, die in der allgemeinen musikpresse landläufig als „indie“ bezeichnet wird. „britisch aussehende jungs, mit lauten, krachigen gitarren…“ ihr wisst, wovon ich rede.

die sonst so gitarrenverwöhnten londoner indiejungs und -mädels wurden erstmals 2001 durch mike skinner, aka the streets, aka grafiti schockiert, als er auf „original pirate material“ seinen schmutzigen garage-rap mit extrem tanzbaren und indiedisco-kompatiblen gitarrensounds unterlegte.

„indie-hiphop“ hätte man es konsequenterweise nennen können, man beließ es aber lieber bei dem undefinierten mix aus garage, grime, hiphop und 2step.

im gegensatz zur us-hiphop szene ist grime (engl. für schmutz) trotz seiner topacts wie dizzee rascal immernoch weit vom mainstream entfernt, und läuft, ganz in der tradition des uk-garage-undergrounds, in britannien nur bei piraten-sendern (dort sehr beliebt, bei uns nennt man sowas studentenradio…) oder in angesagten londoner kellerclubs. ein weiterer unterschied:
30 prozent aller grime-mcs sind mädels.

shystie, chanel calica, lady sovereign, baby blue und estelle und wie sie alle heißen, nur um nur einige zu nennen. im londoner stadtteil soho gibt es bei deal deal records jeden freitag abend speed-lyrics contests – bei dem nur frauen zugelassen sind. lady sovereign war als 14-jährige schon am start. als mc in der uk-garage szene unterwegs, und support von d12, dizzee rascal und basement jaxx:

„völlig verrückt, dass ich so weit gekommen bin. wahnsinn. mein dad war ein punk, genau wie meine mom. das ist zwar alles schon eine weile her, aber trotzdem hört mein alter immer noch komisches zeug. ska zum beispiel. der hat echt nicht alle tassen im schrank.“

lady sov

lady sovereign – public warning (live, 2007)

und so blieb mike skinner nicht der einzige, der sich aus der dreckigen grimeszene im londoner eastend herauswagte. von allen möglichen soundeinflüssen wie ähhh… punk, hiphop, hardcore und grime inspiriert entsteht das, was man grindie nennt. längst haben die rrriot grrrls aus der vorstadt das steuer übernommen. lady sovereign rappt grime auf speed, und tritt auf festivals vor 70.000 mann mit hardcore-punk bands auf. ungeniert, rotzfrech und typisch für die szene: bad-taste style, trainingsanzüge, plastiksonnenbrillen und knallbunte shirts mit aufdrucken im gepflegten 80er jahre stil.

lady sovereign – love me or hate me

wahre stilikone dahingehend ist M.I.A. mit bürgerlichem namen übrigens mathangi „maya“ arulpragasam, geboren im exil in london, im alter von sechs monaten zog sie mit ihrer familie nach sri lanka.M.I.A. selbst ist eine abkürzung und steht für missing in action. dies ist eine statusbezeichnung für einen soldaten, über dessen verbleib im kampf keine weiteren informationen bekannt sind. wahrscheinlich gefallen oder vermisst.während maya noch in sri lanka aufwuchs, schloss sich ihr vater der tamilischen untergrundorganisation „liberation tigers of tamil eelam“ an. er (arul pragasam) wurde anführer dieser gruppe unter dem namen „arular“, welches dann der name ihres ersten albums wurde. ende der achtziger jahre flüchtete sie wieder nach england, und hörte seit dem keine nachricht mehr von ihrem vater.

auch sie gilt als pionierin der grime und grindieszene. was ihren sound allerdings ausmacht, sind die tamilischen folkloregesänge die immer wieder (wie auch hier am ende) in ihren songs auftauchen. gepaart mit den anti-kriegs-botschaften in ihren texten – eine brisante mischung.

M.I.A. – galang

dass grindie durchaus in der lage ist den mainstream zu erobern, wurde letzten sommer mit hilfe von lily allen deutlich. „ldn“ und „smile“ wurden zwar schon 2005 veröffentlicht, schafften aber zwei jahre später den sprung auf platz 1 der uk-charts.

anders als M.I.A. stammt lily allen aus der londoner oberschicht und besuchte jahrelang privatschulen. ihr image als „mädchen von der strasse“ bekam sie dennoch recht früh, denn ihre eltern trennten sich zeitig, und so besuchte sie bis zu ihrem 15. lebensjahr bereits 13 verschiedene schulen. musikalisch beeinflusst wurde sie durch die londoner punk und reggaeszene – und durch die plattensammlung ihres vaters.

nach dem frühen ende ihrer schulkarriere erstellt sie 2005 eine eigene myspace-seite und veröffentlicht dort songs und mixtapes. „ldn“ wurde durch den web2.0 boom 1,5 millionen mal heruntergeladen, und verhalf ihr ein jahr später zu ihrem ersten plattenvertrag bei EMI und dem sprung in die charts.

trotzdem, oder gerade deswegen, benimmt sich madame nicht unbedingt wie ein popstar ihrer größenordnung. so findet sie die tatsache vom NME „nur“ zur „drittcoolsten person des jahres“ gewählt zu werden als „fucking patronising“ oder disst auf ihrem blog carl bart „carl barat is obviously convinced he is god or something“ und the kooks und sowieso den rest der ganzen langweiligen musikszene. very amusing.

übrigens genauso, wie diese version des videos zu „ldn“, mit einem für diese musikrichtung – naja, bezeichnendem anfang.

lily allen – ldn

grindie als exklusiv-musikstil frecher londoner vorstadtgören? muss nicht sein! gerade von dort, wo derzeit die meisten trends der indieszene (streifenpullis, röhrenjeans, molotov jive…) produziert werden, stammt robyn. aus einem land, so scheint es, was im moment fast ausschliesslich durch gute indiebands und passender kleidung von sich reden macht: schweden, genauer: stockholm.

wenn man abseits der londoner vorstadtbezirke aufwächst, tut man sich natürlich schwer in einer szene erfolgreich zu werden, die natürlich zuerst ihre eigenen protagonisten bevorzugt. robyn hatte bereits 1995 ihr erstes album veröffentlicht, und damit in schweden zeitweise erfolg. ihr anfänglicher discopop machte die produzenten von britney spears und den backstreetboys auf sie aufmerksam, robyn selbst sagte eine tournee durch die USA aber aufgrund akuter unlust spontan ab. drei weitere platten folgten, allerdings mit spärlichem erfolg. erst als robyn 2005 mit dem album „robyn“ ihr eigenes label „konichiwa records“ ins leben ruf, erlangte sie in schweden anerkennung, ganze zwei jahre später, mit der gleichen platte, auch im rest europas.

robyn grenzt sich von den grindie-mädels aus london-town dahingehend ab, dass ihre wurzeln weniger im punk und garage, als in elektronischer disco- und popmusik liegen. für schweden eben nicht ungewöhnlich. was beide gemeinsam haben, ist die verbundenheit im grime, und in einer gewissen, naja sagen wir, unprätentiösen art. wie hier im video zu „konichiwa bitches“ noch einmal deutlich wird…

robyn – konichiwa bitches

gibt man heute noch ein prise mehr „indie“ (s.o.) in die suppe, entstehen bands wie marv the marsh, darker aka the black chris martin, hadouken! oder jamie t. und da wären wir auch schon wieder bei den kerls. grindy in reinform ist dann doch eben noch die sache der ladies, jungs sind dabei wohl etwas zu „gitarrenfixiert“…

hadouken! – that boy, that girl

hadouken! – liquid lives

im internet wird grindie gerne auch als das ergebnis von kooperationen mehrerer musiker unterschiedlicher stilrichtungen gesehen. die süddeutsche zeitung schreibt dazu passenderweise:

„die kapuzenrapper der grimeszene vermählen sich mit den blassen jeansjungs mit umgeschnallten indiegitarren.“

und hat damit nicht ganz unrecht. kollaborationen von hiphop künstlern mit punkrockbands sind aber nicht neu: crossover nannte man den mix aus beats und e-gitarren früher. public enemy und beastie boys waren die pioniere, später aufgegriffen von sum 41 & ludachris, bis hin getragen nach berlin, wo sido zusammen mit der berliner skapunkband brainless wankers seine bühnenshows rockt. sehenswert.

heute sind es vor allem indiebands von der insel, die sich für diese art von mash-ups bereit erklären, bzw. herhalten müssen. vorreiter auch hier: mike skinner von the streets. ein klassiker ist mittlerweile sein remix von bloc bartys „banquet“. hintergrund war ein mikrofon, dass er während eines interviews der britischen radiomoderatorin jo whiley klaute, und sich mit diesem track und video voller reue entschuldigte.

the streets – banquet remix

den bis dato höhepunkt des mashup-trends lieferten the futureheads, die sich im gegenzug den streets hit „fit but you know it“ zur brust nahmen, und… etwas rockiger gestalteten.

futureheads

the futureheads ft. the streets – fit but you know it

beliebte hits für den grindie-fleischwolf liefern die arctic monkeys, deren „when the sun goes down“ mit hilfe fetter beats und dem rapper mc shameless mit 200 silben pro sekunde zum „southern monkey remix“ wird.

why lout?

why lout? – stay off the kane

ebenso hörenswert: „stay off the kane“ der why lout? crew, die „emily kane“ von art brut samplen. kostenlos veröffentlicht über artrockeraudio.com, und von dort innerhalb 2 monaten über 30.000 mal heruntergeladen.

statik grindie mixtape

grindy mixtape vol. 1 – flyer (foto: statik)

dass dieser mash-up trend schule machen kann, hat auch der britische künstler statik erkannt, der vor einigen monaten ein mixtape unter dem titel „grindie vol. 1“ veröffentlicht hat und als erfinder des begriffs „indie“ gilt. zu anfangs verteilte er das tape noch kostenlos auf parties, heute kursieren kopien davon im internet. heiß begehrt – und doch selten zu bekommen. die links ändern sich ständig. statik hat das marktprinzip erkannt.

letztes beispiel des britischen grindie-mashup wahns: die indierocker the rakes treffen auf grime-rapper lethal bizzle. gemeinsam performt wird „22 grand job“, doch nur der rapper scheint wirklich spaß daran zu haben…

the rakes ft. lethal bizzle – 22 grand job

alle fotos: last.fm


künstlerkollektiv: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

file under: best of 2007, jung und unschuldig | Kommentare deaktiviert für grindie girls kick ass!


kommentare verboten. was wir schreiben, stimmt auch.